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Mittwoch, 6. September 2023

Presseaussendung 06.09.2023 "Kunsthaus Tacheles Archiv"



Pressemitteilung, Berlin, 6. September 2023  

Stellungnahme des Kunsthaus Tacheles Archivs zur Wiedereröffnung des Gebäudes in der Oranienburger Straße

Fast auf den Tag elf Jahre ist es her, dass die Künstler:innen des Kunsthauses Tacheles in Berlin Mitte gezwungen wurden, das von ihnen 22 Jahre lang betriebene Kunsthaus zu räumen, den öffentlichen Kunstort zu verlassen, dem Sie zum Weltruhm verhalfen und der tausenden Künstler:innen aus der ganzen Welt als Produktions- und Präsentationsort diente.

Wenn nun an gleicher Stelle mit "Fotografiska Berlin" das selbsternannte "zeitgenössische Museum für Fotografie, Kunst und Kultur" eröffnet, ist es aus Sicht des Tacheles Archivs erforderlich, eine klare Abgrenzung zur aktuellen Nutzung des Areals und der damit verbundenen kommerziellen Ausschlachtung des Namens Tacheles zu ziehen.

„Das mit Street Art, Plakaten und Spuren der kreativen Vergangenheit übersäte Treppenhaus ist keine Dekoration“, so der Direktor des Tacheles Archivs, Künstler und ehemaliger Vorstand des Kunsthauses Martin Reiter. „Es ist ein Statement, das der derzeitigen Nutzung diametral entgegensteht.“

„Hier wird sich nicht nur mit fremden Federn geschmückt, die Künstlerinnen und Künstler deren Arbeiten sich nach wie vor im Gebäude befinden, wurden weder gefragt, noch für die Nutzung ihrer Werke entschädigt.“ Urheber- und Eigentumsfragen wurden seitens des Eigentümers Aermont Capital und Projektentwickler PWR Development bewusst nicht geklärt, obwohl in einer detaillierten Bestandsdokumentation der Denkmalpflege zahlreiche der Kunstschaffenden namentlich aufgeführt sind. Es ist zu befürchten, dass Werke, wie ein meterhohes Relief des französischen Künstlers Bruno di Martino im Kontext der neuen Nutzung völlig zweckentfremdet werden, und - wie er – zahlreiche Künstlerinnen und Künstler sämtlicher Urheberrechte beraubt werden.

Wenn Fotografiska-Direktor Yousef Hammoudah vollmundig verkündet „Fotografiska Berlin provides an incredible platform to make a meaningful impact in the world of art and culture […] Let's join forces to drive meaningful change and contribute to the rich tapestry of art and culture together.“, dann sei an dieser Stelle ausdrücklich gefragt, um welchen Einfluss auf die Kunstwelt und welche gebündelten Kräfte sich hierbei handelt.

Die unrechtmäßige Aneignung von Kunstwerken sowie der 22-jährigen Geschichte des Kunsthauses scheint dabei – ähnlich wie der Diebstahl des Namens Tacheles – zum neumodischen Ton in Berlin Mitte zu gehören.

Das Tacheles-Archiv bewahrt in seinen Potsdamer Räumlichkeiten neben zahlreichen Kunstwerken, sämtliche Publikationen, Plakate, Dokumente, Berichterstattungen etc. des Kunsthauses auf und ist national wie international weiterhin an zahlreichen Kunstprojekten beteiligt. Sollten die Immobilien Verantwortlichen dem Respekt und ihre Verantwortung gegenüber der Geschichte und der historischen Bedeutung des von ihnen bespielten Gebäudes nachkommen wollen, ist das Archiv gerne behilflich, viele der betreffenden Künstler:innen, deren Arbeiten ihre Wände „schmücken“, ausfindig zu machen.

Angesichts der Bedeutung des, in Worten der Projektvermarkter, "legendären Kunsthauses" für die Verwertung des Areals wäre eine Einigung mit den Kunstschaffenden mehr als wünschenswert. Als Mindestforderung gilt es, die verbliebenen Kunstwerke mit entsprechenden Namensschildern der Urheber:innen zu versehen, ihnen jederzeit einen Zugang zu ihren Arbeiten zu gewährleisten und die Künstler:innen für den Verlust bzw. die Nutzung ihrer Werke angemessen zu entschädigen.

Es geht nicht darum, Fotografiska Berlin zu verunglimpfen, sondern die Eigentümer des Quartiers auf ihre gesellschaftlichen und finanziellen Verpflichtungen hinzuweisen. Es würde der Kunstszene der Stadt sowie dem politischen und wirtschaftlichen Berlin  nicht gut anstehen, sollte hier ein neues, zeitgenössisches Kapitel zu „Raubkunst“ aufgeschlagen werden.

Am heutigen Donnerstag, den 7.September, von 10 bis 11 Uhr werden Linda Cerna, Ragna Dreher und Martin L. Reiter als Vertreter des Tacheles Archivs vor dem Gebäude des ehemaligen Kunsthauses in der Oranienburger Straße anwesend sein, um Medienvertreter:innen Pressepakete aus den Archiv-Beständen zu übergeben. Es ist eben nicht „irgendein Gebäude“, dass in diesen Tagen in Berlin wiedereröffnet wird.

Pressekontakt:
Martin Reiter | nurschrec@yahoo.de

Linda Cerna | Tacheles-Archiv | tacheles-archiv@gmx.net